Präludien und Notturno

Am 19. Juni 1988 schrieb ich einem mir unbekannten Berufskollegen aus Ost-Berlin einen Leserbrief zu dessen Artikel „Mitteleuropa als ruhendes Inertialsystem?“, welcher in der ersten Ausgabe von »Lettre International« erschienen war.

»Lieber Thomas Asperger!

Bei der sonntagmorgendlichen Lektüre von Lettre 1 kam ich um Ihren Beitrag nicht herum. Ein Blick ins Autorenregister bestätigte den schönen Verdacht, den Ihr spezifisches Vokabular in mir geweckt hatte: ein Berufskollege und dazu auch noch ein Quasi-Nachbar. Obwohl unsere persönlichen Koordinatenursprünge jeweils auf der Imaginärachse des anderen liegen, kann ich Ihnen hinsichtlich des Textverständnisses versichern, daß keine Transformationsregeln nötig sind. Die von Ihnen verzeichneten diesseitigen Oszillationen betreffen nicht unbedingt den Geist, der ist erfreulich invariant.

Ich schreibe Ihnen nun, weil ich mir einen langgehegten Traum erfüllen möchte: den Traum nachbarschaftlicher Beziehungen in diesen beiden Städten. Er hat einen ganz einfachen Ursprung. Vor Jahren plante ich mit meiner Freundin einen Bildband über „Symbolik an Berliner Häuserfassaden“. Bezeichnenderweise kamen wir erst sehr spät auf die Idee, nach Material auch außerhalb von Berlin zu suchen, nämlich im von uns so genannten Ost-Berlin. Natürlich ist diese Formulierung etwas absurd, aber sie verdeutlicht doch die Normalität der Entfremdung.

Also verbrachte ich etliche Sonntage mit meiner Kamera in der Hauptstadt und sammelte Motive: am Zeughaus, an der Charité, usw. Etwas schwummerig wurde mir bereits am Ubhf Stadtmitte. Mir fiel ein, daß hier irgendwo der Nullpunkt für die preußischen Meilensteine stehen sollte, von denen mir einige aus „meiner“ Stadt bekannt waren (so etwa auf der Potsdamer Chaussee in Zehlendorf).

Der eigentliche Schlag traf mich aber am Ende der Friedrichstraße (soweit man hier vorankam). Ich sah nämlich eine Häuserzeile, die mir vollkommen bekannt war, die ich aus dieser Entfernung und aus dieser Perspektive aber nie gesehen hatte. Sie gehörten zu dem alten Zeitungsviertel in der Kochstraße und paßten architektonisch völlig zu den angrenzenden Bauten Ihrer Stadt. Das war das erste mal, daß ich ein Gefühl für die historische Realität bekam, was sich hier abgespielt hat.

Meine ganz persönliche Utopie ist folgende: ich möchte in absehbarer Zeit mit dem Fahrrad über Oranienstr. / Kochstr. / Friedrichstr. / Chausseestr. und Müllerstr. zum Leopoldplatz zu der Firma fahren bei der ich arbeite. Das ist nämlich der kürzeste Weg und braucht allenfalls 15 min (jedenfalls Sonntags). Wenn ich Pech habe und mit dem Auto im Berufsverkehr stecken bleibe, brauche ich heute 50 Minuten.

Kürzlich fuhr ich von München mit dem Zug nach hause zusammen mit einer sehr schicken Frau in meinem Alter, die bei der Paßkontrolle kein grünes sondern ein blaues Büchlein vorzeigte. In meiner unbezähmbaren Neugier begann ich sie über das wie und warum ihrer Westreise auszufragen. Sie war Dolmetscherin und wohnte mit ihrer Familie in der Straße der Befreiung. Das Gespräch war für mich mit zahlreichen Augenöffnungen verknüpft.

Perestroika entpuppte sich als Ja-Wort Gorbatschows zu der DDR-Produktion eines 4-Zylinder/4-Takters als Lada-Konkurrenz und Westberlin als Hort von Kriminellen, die durch die Mauer von Berlin besser fortgehalten werden sollten.

Ich erzählte ihr von unserem Haus im Landkreis Lüchow, wo man „gegebenenfalls“ überlegen könnte, ob man in Lüchow (West) oder Perleberg (Ost) die Lebensmittel für das Wochenende einkaufen wolle und daß ich davon träumte, über die alte Transitstrecke via Perleberg in 2 Stunden direkt, statt wie früher via Helmstedt/Uelzen in notgedrungenermaßen 6 Stunden in den wohlverdienten Wochenendurlaub zu fahren.

Sie erzählte mir, daß sie und ihr Mann genug verdienten, um ihre weitergehenden Versorgungsansprüche im Intershop zu befriedigen und daß sie froh sei, da zu leben, wo sie ist. Ich verriet ihr noch, dass ich gerne Klärwerkstechnik nach Potsdam oder Umgebung verkaufen würde, statt wie bisher nach Hessen, was mich jedesmal die Nerven für 1000 Kilometer Autobahnfahrt kosten würde. Ich weiß nicht, ob wir uns gegenseitig gut verständlich gemacht haben.

Nun aber zu dem Anlaß meines Briefes. Ich möchte Sie einmal besuchen, um gewissermaßen offensiv etwas von der Nachbarschaft zu erreichen, die mir tatsächlich fehlt. Nun haben Sie unter Pseudonym veröffentlicht, und den Grund kann ich möglicherweise nur zum teil erraten. Als „Kompensationsgeschäft“ offenbare ich Ihnen mein Pseudonym (siehe beiliegenden Artikel aus der taz, in dem leider etliche Druckfehler sind und Lesefehler des Setzers zu mißverständlichen Vokabeln geführt haben). Sollte Ihnen die Idee zusagen, lassen Sie bitte etwas von sich hören.

Mit freundlichen Grüßen …«

Ereignisse, wie sie sich dann im November 1989 abspielen sollten, waren im Jahre 1988 undenkbar, vollkommen unrealistisch. Selbst am 30. September 1989, als den Prager Botschaftsflüchtlingen mitgeteilt werden konnte, „dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist“, erschien es unglaublich, „dass wir wenige Wochen später den Fall der Mauer und ein gutes Jahr später die deutsche Einheit erleben würden (Rudolf Seiters in einem ARD-Interview)“.

Ich besuchte den Kollegen dann einige Monate später, nachdem ein Kurier meinen Brief bei Gelegenheit mit hinüber und dessen hastig verfasstes Antwortschreiben wieder mit zurückgenommen und dann der Deutschen Bundespost Berlin übergeben hatte.

Das Treffen hatten wir telefonisch verabredet. Ich wurde am Grenzübergang Friedrichstraße herausgepickt und solange gezielt befragt, bis ich es für klüger hielt, den Anlass meines Besuches der Hauptstadt der DDR offenzulegen. Man ließ mich ziehen, gab mir aber (recht jovial) zu verstehen, dass den Organen der DDR nichts entgehen würde.

Der Besuch des Kollegen erschütterte mein Weltbild. Es war bis dahin von atavistischer Ablehnung der offiziösen west-berliner Worthülsenparade wider den Unrechtsstaat hinter der Schandmauer geprägt und damit (bis zu einem gewissen Grade) reflexartig pro DDR, wie bei vielen jungen Menschen aus West-Berlin.

Der bedachtsam nachdenkliche Herr Asperger berichtete mir nun von seiner jahrzehntelangen Odyssee als politischer Mensch, der seine Fähigkeit zum Reflektieren nicht aufzugeben bereit war und dadurch der Isolierungs- und Unterdrückungsmaschinerie der DDR-Oberen in Permanenz ausgesetzt war. Ich konnte nur ahnen, was das für den alltäglichen Gefühlshaushalt bedeuten mochte, war tatsächlich entsetzt und schämte mich im Stillen für meine bisherige oberflächliche und abstrakte Herangehensweise an die „Systemfrage“.

Wir hielten den Kontakt, und so ging ich im Januar 1989 mit ins Deutsche Theater, wo „Diktatur des Gewissens“ von Michail Schatrow gegeben wurde, einem Perestroika-Stück aus der Sowjetunion. Mir wurde versichert, dass wir (meine Begleitung und ich) wahrscheinlich etliches nicht verstehen könnten und wurden gewarnt zu laut zu klatschen, da zu viel gezeigte Begeisterung zur Absetzung des Stückes führen könnte.

Im Spätsommer 1989 hielt ich mich für 3 Wochen in Japan auf. Die einzige nicht-private deutsche Stimme, die ich in dieser Zeit zu hören bekam, war der Originalton des Interviews eines japanischen Nachrichtensenders mit einem sächsischen Botschaftsflüchtling in Prag.

Im Oktober 1989 besuchte ich erneut Thomas Asperger. Es herrschte eine Stimmung, die wohl auch von Euphorie und allgemeiner Spannung, aber mehr noch vom ewigen Warten auf die Staatsgewalt geprägt war, welche irgendwann doch auftreten musste, um die seit langem schwebende Verhaftung durchzuführen. Wir besuchten eine Versammlung in Treptow, auf der Herr Asperger eine kurze Ansprache hielt. Die Besucher der Versammlung waren gewiss euphorisch und nannten – an die anonymen Herren der Staatssicherheit gewandt – bei jeder Wortmeldung ihren Namen und ihre Adresse, unter frenetischem Beifall versichernd, dass man keine Angst mehr davor habe sich öffentlich zu bekennen. Die Hin- und Rückfahrt wurde unter strengster Einhaltung der Straßenverkehrsordnung durchgeführt, um keinerlei Anlass für das Eingreifen der Organe der DDR zu liefern.

Am 9. November dann wurde der Fernseher im Berliner Zimmer unserer Wohngemeinschaft nach der Übertragung der Pressekonferenz, auf der der sofortige Vollzug der neuen Reisebestimmungen verkündet worden war, nicht mehr ausgeschaltet. Irgendwann am Abend siegte mein Wunsch, Augenzeuge eines historischen Ereignisses zu werden, über das Pflichtgefühl meinen Kindern gegenüber, die in dieser Nacht bei mir schliefen: Ich holte sie aus dem Schlaf um ihnen mitzuteilen, dass ich zur Grenze am Moritzplatz (Heinrich-Heine-Straße) gehen würde, um zu sehen, ob Menschen herüberkommen.

Dort war auf unserer Seite kaum etwas los. Wenige Menschen hatten sich versammelt und harrten der Ereignisse, geeint in der sich bei jedem Einzelnen immer mehr verdichtenden Gewissheit, dass es heute Nacht geschehen würde. Ich lief in die Oranienstraße zu einer Kneipe und kaufte eine Flasche Sekt. Der Wirt schüttelte nur mitleidig den Kopf als ich ihm versicherte, dass die Mauer gleich aufgehen würde.

Einer der Anwohner brachte Einwegbecher und so warteten wir. Die Grenzorgane der DDR waren überaus nervös und blickten finster. Im Hintergrund hörte man das Brausen aufgeregter Menschen, ganz intensiv und zugleich ganz weit entfernt, wie ich es später bei einer Wanderung zum Pazifik im Nordwesten der USA wiedererleben sollte.

Irgendwann transformierte sich das gewaltige ferne Brausen der Menschenmassen plötzlich in den rasch lauter werdenden Klang von Laufschritten einiger Menschen. Der erste von ihnen, der im engen Verbindungsgang zwischen West und Ost zu erkennen war, ein junger Mann, nahm einen inbrünstigen Anlauf und übersprang die imaginäre Grenzlinie. Wir hatten uns noch rechtzeitig vorbereiten können und hielten einige gefüllte Becher bereit. So konnte ich mit dem jungen Mann anstoßen, hemmungslos und glücklich lachend und ohne Worte.

Nachspiel: Brief vom 16.12.1989 von SH, der Dame, die ich im Brief an Thomas Asperger erwähnt hatte und der ich verabredungsgemäß ein seinerzeit im Westen lieferbares Buch von Michail Gorbatschow (vermutlich Perestroika, die zweite russische Revolution. Eine neue Politik für Europa und die Welt. Droemer Knaur, München 1987) per Post zugesandt hatte: „Auf zwei Briefe, in denen ich Ihnen Vorschläge zur »Begleichung« gemacht habe, keine Antwort. Dann durfte ich plötzlich nicht mehr zu meiner Tante fahren, nicht mal zum 80. Geburtstag, überhaupt keine Westreise mehr. Post wurde kontrolliert, Briefe aus den USA prinzipiell gelesen (der Stempel war drauf), Abhören v. Telefongesprächen und auch war jemand in der Wohnung, während unserer Abwesenheit. Ich möchte das nicht weiter beschreiben. Doch wenn ich Ihr »Begleitschreiben« lese, »… etliche Vorurteile der sechziger Jahr …«. Ich wollte Sie von was anderem überzeugen. Und jetzt?! Ich bin sprachlos, wie viele andere. Nun interessiert mich natürlich noch, wie’s mit unserer Post bestellt war. Auf alle Fälle wird Sie mein Brief jetzt erreichen …“

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